Aggregatzustand: digital

Bestandteile: Individuen

Struktur: Netzwerke

Kommunikation war und ist der grundlegende Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Durch Kommunikation werden Prozesse des Verstehens, Aushandelns und Weiterentwickelns erst möglich. Für Bildung ist Kommunikation der entscheidende Faktor, der Lernen erst ermöglicht.

Jetzt, im 21. Jahrhundert, findet Kommunikation in einer neuen Qualität statt. Digitale Transformation hat ausgehend von technischen Entwicklungen Auswirkungen auf elementare, nicht-technische Lebensbereiche. So haben sich nicht nur die technischen Möglichkeiten der Kommunikation verändert, sondern auch ihre Abläufe und Bestandteile.
Kommunikation befindet sich jetzt im digitalen Aggregatzustand. 😉 Der Leitmedienwechsel zeigt das deutlich. Er ist Ausdruck der veränderten gesellschaftlichen Kommunikation.


Leitmedienwechsel, Sketchnote nach Döbeli Honegger: Mehr als 0 und 1.

Fest, flüssig, gasförmig – dies sind die uns geläufigen Zustände, in denen Stoffe und Stoffgemische auftreten. Wir wissen, welche Eigenschaften diesen Aggregatzuständen zuzuordnen sind und auch, wie und was ein Übergang von einem Aggregatzustand zum anderen bedeutet. Wir können Veränderungen abschätzen, berechnen, gezielt herbeiführen und zweckgerichtet einsetzen.
Bisher galt das so auch für Kommunikation – wir kennen die Bestandteile, Kanäle, Methoden der Kommunikation. Wir wissen, wie und mit wem man zielgerichtet kommuniziert. Die Gepflogenheiten waren uns vertraut.

Aber jetzt haben wir das Gefühl, diese Abläufe sind nicht mehr so sicher, vorhersehbar und berechenbar. Kommunikation ist nicht mehr das, was sie einmal war (im positiven Sinn gemeint).
Vor allem ist für Kommunikation eins sicher: der Übergang. Elemente werden beweglicher, leichter veränderbar:

  • Gesprächsteilnehmer in Gruppen lassen sich leicht hinzufügen, entfernen oder blockieren;
  • Texte sind einfach in ihrer Struktur zu bearbeiten und zu verändern,
  • nicht-sprachliche Elemente lassen sich in Texte integrieren.
    Kommunikation ist in Bewegung – die digitale Transformation macht auch vor Sprache nicht halt. Oder ist es das Bedürfnis nach veränderter Kommunikation, dass die Entwicklung und Schaffung der Digitalität erst möglich gemacht hat?

Hier meine 3 Feststellungen zur fluiden Kommunikation in 2020:

Kommunikation ist schneller, aber auch zugleich langsamer geworden.

Kommunikation ist individueller geworden, findet aber auch gleichzeitig mit sehr vielen Personen statt.

Kommunikation ist sehr leise geworden, aber zugleich erscheint sie oft als Kakophonie.

Wie ist das zu verstehen?

Kommunikation ist schneller, aber auch zugleich langsamer geworden.

Wir können in Sekundenschnelle Informationen austauschen, Verabredungen treffen oder zusammen an Dokumenten arbeiten. Kommunikative Handlungen können trotz Ortsunabhängigkeit zeitgleich ausgeführt werden.
Digitale Kommunikation bedeutet aber auch, dass Nachrichten gespeichert und jederzeit abrufbar sind. Damit entfällt die Notwendigkeit, sofort reagieren zu müssen. Sender und Empfänger von Nachrichten können ihre Antworten abwägen, recherchieren und vor dem Versenden verändern. “Gespräche”, die sonst von Angesicht zu Angesicht in wenigen Minuten absolviert wären, können so über lange Zeiträume geführt werden. Denn alle Aussagen sind nachlesbar und können auch nach Stunde, Tagen oder noch längeren Zeiträumen wieder aufgenommen werden.

Kommunikation ist individueller geworden, findet aber auch gleichzeitig mit sehr vielen Personen statt.

Die Öffentlichkeit von Social Media bedeutet nicht, dass der Wunsch nach privater Kommunikation geringer geworden wäre. Die Nachfrage nach Plattformen wie Snapchat und Tik Tok zeigen dies deutlich. Hier wird diesem Wunsch durch das Nichtspeichern der Kommunikation nachgekommen. Private Unterhaltungen werden auch in anderen Kanälen gesucht und genutzt (Instagram, Facebook, Twitter).
Andererseits bietet die digitale Kommunikation aber auch eine breite Angebotspalette für öffentliche oder halböffentliche Gespräche. Messsengerdienste haben zuerst die Nachfrage erkannt, diese Teilung zu kombinieren und den Teilnehmern alle Möglichkeiten zu geben. Unterhaltungen in großen Gruppen, kleinere selbstgewählte Kreise oder Zwiegespräche – alles ist möglich.
Die Kommunikationsvielfalt erinnert mich stark an den Schulhof oder an das Dorfleben. Hier gibt es viele Parallelen. Es sind immer auch große Gemeinschaften, die sich miteinander austauschen müssen. Dann finden sich die Grüppchenbildungen und die Einzelpersonen, die miteinander reden.
Allerdings sind die Kommunikationsräume eben nicht mehr klein und überschaubar wie der Schulhof oder die Dorfstraße. Jetzt kann und wird über diese Grenzen hinaus bis hin zum globalen Rahmen kommuniziert. Damit wachsen die Anzahl der Kanäle, der Themen und auch die der Teilnehmer an. Dies erfordert von allen Beteiligten an der Kommunikation eine andere Kompetenz als früher – mehr Daten (Namen, Themen, Kanäle) müssen zugeordnet und bedient werden sowie die dazugehörigen technischen Tools und Abläufe beherrscht werden.

Kommunikation ist sehr leise geworden, aber zugleich erscheint sie oft als Kakophonie.

Wann haben Sie Ihr Handy das letzte Mal zum Telefonieren genutzt? Das ist eine ernstgemeinte Frage!
Das Telefon war eine Erfindung, um Gespräche über gewisse Distanzen, die eine direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht nicht zulassen, zu ermöglichen.
Aus der oben beschriebenen Art und Weise zu kommunizieren, ergibt sich eine digitale lautlose Kommunikation. Nicht nur die Entfernung der Gesprächspartner ist belanglos, es ist auch nicht entscheidend, ob der Austausch der Informationen wie im direkten Gespräch als sofortige Repliken und in mündlicher Form geschieht.
Reaktionen können zeitversetzt erfolgen. Gespräche sind nicht mehr nur mündlich. Vielfach werden sie schriftlich ausgeführt und visuell angereichert bzw. visuelle Elemente (emojis, gifs) ersetzen (mündliche und schriftliche) Sprache.
Daraus folgt, dass weniger Stimmen zu hören sind. Auffällig ist dies z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln. Alle Fahrgäste können in Gespräche vertieft sein und trotzdem muss kein Wort zu hören sein.
Als Einzelperson, die eine Vielzahl von Kommunikationen mit verschiedenen Personen und Gruppen – egal ob beruflich oder privat – führt, erscheinen die vielen Gespräche, die in den einzelnen Kanälen angezeigt, verwaltet und geführt werden, oft wie ein unaufhörliches Stimmengewirr – da wären wir wieder beim Schulhoflärm oder dem Klatsch und Tratsch im Dorf.

Kommunikation ist und bleibt erhalten. Sie ist das Grundgerüst unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie wird sich immer bleiben und doch ganz anders werden.
Kommunikation ist die entscheidende Kompetenz im Bildungsbereich. Sie muss erlernt werden – in all ihren Facetten, mit all ihren Möglichkeiten. Und da Kompetenzen nicht vermittelt werden können, muss es selbstverständlich sein, dass die Kommunikation als Gespräch, Informationsaustausch und kollaboratives Element in allen Phasen (Schule, Hochschule, Erwachsenenbildung) gelten muss. Damit sollte klar sein, dass Frontalunterricht als dominierende Unterrichtsmethode überlebt ist. Handlungs- und produktionsorientierte Projektangebote in offenen Strukturen fördern eine aktive und kommunikative Auseinandersetzung mit Inhalten und stellen damit ein kommunikationsförderndes Angebot für Lernende dar.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen